Roger Waters | The Wall Live Hallenstadion Zürich 06./07./24./25.06.2011 | 20:00 Uhr

Roger Waters mit «The Wall Live» im ausverkauften Zürcher Hallenstadion – ein überwältigendes Remake der legendären Bühnenshow.


Als meistverkauftes Doppelalbum aller Zeiten hat das faszinierende Konzeptalbum schon längst seinen festen Platz in den Annalen der Musikgeschichte. Nun beweist Roger Waters, damals Bassist und kreativer Kopf von Pink Floyd, wie zeitlos sein Meisterwerk aus dem Jahr 1979 tatsächlich ist. In Kanada und den USA konnten alte und neue Fans das spektakuläre Remake bereits bewundern; jetzt setzt es seinen Siegeszug durch Europa fort.

«The Wall» sollte in jedem Geschichtsbuch stehen. Nicht nur, weil es mit seinem psychedelischen Sound der Siebziger einer ganzen Generation von Vietnam-Kriegsgegnern aus der Seele sprach. Nicht nur, weil es mit seinen Anspielungen auf die zerstörerische Macht der Drogen dem ehemaligen Pink Floyd-Lead-Gitarristen Syd Barrett ein Denkmal und der Ära der freien Drogen ein Ende setzt. Nicht nur, weil selbst die Jugendlichen des 21. Jahrhunderts ihren Eltern und Lehrern wohl ab und zu gern entgegen schmettern würden: «Hey, lasst uns Kinder doch in Ruhe!». «The Wall» gehört in jedes Geschichtsbuch, weil es zum kulturellen Gedächtnis der westlichen Welt gehört wie Goethes Faust oder Shakespeares Hamlet.

Wie bei jedem Klassiker fragt sich der anspruchsvolle Zuschauer zu Beginn ein wenig bange: Wird es gelingen, das traditionsreiche Stück in einen neuen Kontext zu verpflanzen? Was hat ein über 30jähriges Werk uns heute noch zu sagen? Was ist von einem Rockkonzert zu halten, wo die Zuschauer sich mit 15 Minuten Verspätung brav und gelassen auf ihren nummerierten Sitzplätzen niederlassen? Kann die geniale Musik ausgleichen, was der Gesellschaft seit den Siebzigern an «Vibe» verloren gegangen ist?

Doch es kommt gut. Sehr gut sogar. Mein Unbehagen beginnt bereits zu weichen, als der Klang einsetzt, noch nicht Musik, aber schon Geräusch, mehr vom Körper empfunden als vom Ohr wahrgenommen. Dann ein Beginn mit Pomp und Feuerwerk, 800 Leuchtkörper werden gleich zu Beginn verpulvert, der schwere Geruch durchschwebt noch Stunden später die Halle. Die Höhepunkte nähern sich, sobald die einzigartigen Projektionen von Gerald Scarfe einsetzen. Dramatisch schöne Farb- und Lichtspiele wechseln ab mit quälenden, surrealistischen Filmsequenzen, modernen Computergrafik-Spielereien und imposanten Videoinstallationen. Ein Opus Magnus, zu dem die Musik des jugendlich fitten, stimmmächtigen Roger Waters die akustische Kulisse bildet. Ein Höhepunkt, der den Live-Charakter der Veranstaltung dann wieder stärker zur Geltung bringt, ist der Song «Mother», den Roger Waters mit einer Aufnahme seines jüngeren Ichs im Duett zur Akustikgitarre singt.

«The Wall» war schon immer ein audio-visuelles Gesamtkunstwerk. Schon drei Mal führte es die Zuschauer auf eine tour de force durch avantgardistische Klänge, komplexe, provozierende Texte und schräge Filmsequenzen: Bei der ersten Bühnenshow nach Erscheinen des Albums (1979), die nur in Los Angeles, New York, London und Dortmund aufgeführt wurde; im Film «The Wall» von Alan Parker aus dem Jahr 1982; und beim Livekonzert auf dem Potsdamer Platz in Berlin kurz nach dem Fall der Mauer, das 1990 rund 400.000 Menschen vor Ort und weitere hundert Millionen an den Bildschirmen verfolgten. Das Grundgerüst des Spektakels bleibt gleich: Stein für Stein wird zwischen Musikern und Publikum eine 80 Meter breite und 12 Meter hohe Wand errichtet und im bombastischen Finale wieder zu Fall gebracht.

 

Roger Waters «The Wall» im Hallenstadion Zürich
Roger Waters | Tickets & Konzert-Infos
Veranstaltung
Roger Waters | The Wall Live

Konzert-Daten
• Montag, 06. Juni 2011, 20:00 Uhr | Konzert-Tickets
  
Hallenstadion Zürich
• Dienstag, 07. Juni 2011, 20:00 Uhr | Konzert-Tickets
  
Hallenstadion Zürich
• Freitag, 24. Juni 2011, 20:00 Uhr | Konzert-Tickets
  
Hallenstadion Zürich
• Samstag, 25. Juni 2011, 20:00 Uhr | Konzert-Tickets
  
Hallenstadion Zürich

Tickets | Vorverkauf
Vorverkauf der Roger Waters Tickets über «TicketCorner»,
oder per Tel.: 0900 800 800 (CHF 1.19/min.)
sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Weitere Infos
www.goodnews.ch

(Alle Angaben ohne Gewähr)

Dieser Bühneneffekt allein wäre beeindruckend genug. Dazu baut der ursprüngliche Bühnenbildner Gerald Scarfe, alles ein, was die technische und künstlerische Entwicklung der letzten 30 Jahre zu bieten hat. Seine Animationen, Lichteffekte, Kunst- und Video-Projektionen auf die Mauer, seine Trickfilm- und Graphic Novel-Sequenzen geleiten das Publikum mühelos durch die Jahrzehnte vom zweiten Weltkrieg bis zu den Folterungen in Guantanamo und den Opfern des Terroranschlags auf die Londoner U-Bahn 2005. Das ist so zeitgemäss und kunstvoll inszeniert, dass es auch jeden noch so iPad-verwöhnten Jungzuschauer in seinen Bann zieht. Im glasklaren Quadrofonie-Sound gewinnen die alten Bilder und Klänge – marschierende Hämmer als Symbol für die verführerische und bedrohliche Macht des Totalitarismus, die heulenden Bombergeschwader, der pulsierende Hubschrauber-Sound, der stechend helle Suchscheinwerfer – noch an Wirkung, sie erscheinen zeitlos aktuell.

Es zeugt von intellektuellem Mut, dass sich zu den tödlichen roten Kreuzen, die aus dem Bauch der Killerflugzeuge fallen, Symbole wie Hammer und Sichel, der Mercedesstern, die Shell-Muschel, das Dollarzeichen, das McDonalds-M, der arabische Halbmond und der Davidstern gesellen, um die Erde mit ihrer blutigen Saat zu bedecken. So wird aus dem mal verstörend-beklemmenden, mal reinen, ehrlichen Rock-Sound von «The Wall» ein hochaktueller Antikriegs- und Pro-Menschlichkeits-Appell.

Schade, dass Waters bei den special effects im ersten Akt zu viel des Guten tut. Da fliegt ein Pappflugzeug in eine Mauer und geht in Flammen auf – aus der Nähe betrachtet vielleicht beeindruckend, von den hinteren Rängen gesehen ein allzu kitschiger Hollywoood-Stunt. Und braucht es auch noch die riesigen Monster-Marionetten am Rand der Bühne, die lächerlich verzerrt und viel zu deutlich karikieren sollen, was der Musiktext hinreichend suggeriert: Lehrer herrschen grausam über ihre Schüler, Niki de Saint Phallesche Obermamis erdrücken ihre Schützlinge mit übertriebener Fürsorge und diktatorischem Überwachungswahn – «Big Mother is watching you» –, das ultimative Sexweib droht seinem Opfer Labia und Lippen bei lebendigem Leib überzustülpen?

Jedenfalls ist Roger Waters seiner Philosophie und seiner Message treu geblieben: Angst errichtet Mauern zwischen den Menschen. Lasst Sie uns einreissen! Im Krieg sind alle Opfer, also bringt unsere Jungs heim! Sollen wir unserer Regierung vertrauen? No fucking way! Man mag das altmodisch finden, naiv, übereifrig und ein wenig oberlehrerhaft. Doch jede Moral wirkt über die Jahrzehnte, besonders, wenn man sie so gekonnt in ein neues künstlerisches Gewand kleidet.
Mit diesem funkelnden Finale, so die Andeutung des 67-Jährigen, könnte sich Roger Waters aus dem Bühnenleben zurückziehen.

Sein Vermächtnis an die Welt: ein spektakuläres Gesamtkunstwerk, das nach wie vor an das Verbesserungspotential der Menschheit glaubt. Ein Klassiker eben.

Text: Sonja Bonin

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